Taten zählen, nicht Worte

Seit einer Woche bin auch ich stolzer Besitzer eines Elektrofahrzeugs. Es ist ein schönes Auto. Perfekt verarbeitet. Fährt wie auf Schienen und ist geräuschlos. Jedenfalls was den Motor anbelangt. Hat 400 PS und eine Reichweite von 380 km. So steht es zumindest in den Spezifikationen. An den Verbrauch muss ich mich noch gewöhnen. Nach 20 Kilometern Fahrt ist die Batterieladung um so viel gesunken, wie für 80 km verbraucht werden sollte. Habe wohl zu oft beschleunigt, weil ich die 400 PS testen wollte.

Ein schönes Auto, aber macht es auch Sinn? Oder beruhigt es nur unser Gewissen?

Ich habe drei Kinder im Teenager-Alter. Im Zuge der Umweltdiskussion, die bei uns zum Teil emotional geführt wird, stand da plötzlich dieser Satz im Raum. Ein Satz, einfach so dahingesagt, den ich aber nicht kommentarlos stehen lassen kann. «Eure Generation ist schuld, dass wir heute den Klimawandel haben.» Ist das so? Der Klimawandel kommt ja nicht einfach so über Nacht. Wir stehen nicht eines Morgens auf und stellen fest: Der Klimawandel ist da. Nein, das braucht Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Vorlauf. Also spulte ich in Gedanken um etliche Jahre zurück. Wie war das, als ich Teenager war? Machten wir uns da schon Sorgen um die Umwelt? Nein, das war kein Thema. Warum sollte es auch? Zum Beispiel PET-Flaschen: Kannten wir nicht. Leergut, sprich Glasflaschen, brachten wir zurück in den Laden und erhielten dafür das Pfand zurück. Die Nachbarn waren froh, wenn wir Jungen das erledigten, und wir konnten unser Sackgeld aufbessern. Die Flaschen wurden gereinigt, gefüllt und wieder in Umlauf gebracht. Unzählige Male. Milch holten wir im Eimer. Also auch kein PET oder spezieller Karton, den man entsorgen musste. Im Volg oder im Coop gab es noch keine Tüten aus Plastik für den Einkauf. Meistens waren sie aus Papier, oder man nahm seine Einkaufstasche mit. Sowieso, es gab nur saisonale Lebensmittel. Keine Avocados aus Peru, Erdbeeren und Tomaten aus Spanien oder Marokko, Kartoffeln aus Ägypten oder Rindfleisch aus Argentinien. Natürlich alles eingeflogen. Der heutige gesundheitsbewusste Kunde wünscht das ja so. Wir Teenager gingen damals zu Fuss oder fuhren mit dem Velo. Überallhin. Kein Mami oder Papi, der uns mit 400 PS chauffierte. Wir hatten eine Stromsteckdose pro Zimmer. Daran hing meistens der Fernseher, ohne Fernbedienung, oder der Plattenspieler. Heute hängt an jeder Steckdose ein Handy, ein iPod, ein iPad oder eine Playstation. Pro Kind. Alles per Kabel oder Satellit verbunden, und alles wird mit Strom betrieben. Also, bis in die 1980er Jahre war unsere Umweltbilanz noch in Ordnung. Dann kamen die ersten PCs. Ausser Text verarbeiten und rechnen konnten die nicht viel. Kein stundenlanges Gamen. Handys hatten wir auch nicht. Das Haustelefon war fix montiert. Das höchste der Gefühle war ein langes Kabel, das bis ins eigene Zimmer reichte. Auch unser ökologischer Fussabdruck war bis dahin noch verschwindend klein. In den 2000ern waren dann die PCs leistungsfähiger, das Internet verbreitete sich immer mehr, und das Natel wurde massentauglich. Immer mehr Applikationen waren möglich. Der nächste McDonald’s oder Starbucks wird heute per Google Maps geortet. Meine Kinder gehören zur ersten Generation, die mit Internet, Natel und PC aufwächst. Der Stromverbrauch wächst exponentiell, und ihre Ferien wollen die Jungen von heute natürlich nur noch im Ausland verbringen. Unsere Generation dachte nicht einmal daran, abgesehen davon, dass wir uns das gar nicht leisten konnten. Aber anscheinend sind wir daran schuld, dass wir heute einen Klimawandel haben, weil wir uns nicht für den Umweltschutz einsetzten. Richtig betrachtet ist eigentlich die Generation Z, also die nach 2000 geborene, massgeblich daran beteiligt, dass das Klima sich verschlechtert. Schlägt man den Jungen vor, sich am Umweltschutz zu beteiligen, indem sie den Konsum von Natel, Internet oder Auslandferien einschränken, verfallen sie in ein kollektives Koma. Ein Leben ohne das sei kein Leben, ist dann ihre Antwort. An die nächste Klimademo wollen sie natürlich mit dem Papi- oder Mami-Taxi gefahren werden. Wenn möglich mit mindestens 400 PS. Dort laden sie dann Fotos oder Videos hoch, um zu zeigen: Sie waren dabei und haben etwas für den Klimaschutz getan. In der Zwischenzeit fahren wir elektrisch zum Einkaufen. Kaufen lokale Produkte. Stellen die Heizung um ein oder zwei Grad niedriger. Machen uns Gedanken darüber, ob man die Ölheizung durch Erdsonden ersetzen kann oder auf dem Dach Solarpanels montieren soll.

Taten zählen ja, nicht Worte!

Roberto Martullo


ZUR PERSON

Roberto Martullo ist als Personal- und Unternehmensberater tätig.
Der 57-Jährige ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Er wohnt in Meilen im Kanton Zürich, wo er auch Mitglied der SVP ist.

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